Mittwoch, 5. November 2008
Mittwoch Morgen
sternchenfieber, 20:22h
Mittwoch morgen
Was könnte schlimmer sein, als an einem Mittwoch morgen S-Bahn zu fahren? An einem Montag morgen S-Bahn zu fahren. Denkste! Denn dieser Mittwoch morgen ist ein doppelstöckiger Montagmorgen. Es ist der Mittwochmorgen nach einem verlängerten Wochenende.
Also, was könnte schlimmer sein?
Richtig! U-Bahn fahren an solch einem Mittwochmorgen! Denn S-Bahn fahren ist immer gleich. Darauf kann man sich schon auf der Busfahrt einstellen: Während man noch auf seinem Sitzplatz vor sich hindöst, weiß man schon was kommt:
Erst der zugige Bahnsteig mit dem undichten Dach. Es wäre ja auch wirklich zuviel verlangt gewesen dieses Dach zu reparieren ich meine, wann hätte man das denn letztes Jahr auch noch machen sollen, als der gesamte Bahnsteig wegen Renovierungsarbeiten geschlossen war? Es wird ja wohl jeder einsehen, dass es schon eine Höchstleistung war in diesem Jahr die weißen Markierungen auf dem Steig nachzuziehen. War ja auch wichtig. Nicht das ein Kinderwagen, der aus Versehen und ohne Aufsicht reinzufällig am Rand abgestellt wird, weil die blonde Mutter nicht wusste das sie ihn da nicht abstellen darf während sie eine Schachteln Zigaretten am Kiosk auf dem anderen Gleis kauft, von einem Zug erfasst wird. Wäre doch eine Katastrophe. Da war das Dach eben zeitlich nicht mehr drin. Haben wir ja auch alle Verständnis für.
Und natürlich regnet es an so einem Mittwoch morgen – gut ist nicht soo unwahrscheinlich immerhin haben wir Oktober. Aber Regenschirm geht auch nicht, denn wohin soll man den in der S-Bahn tun. Und man will ja auch keiner von diesen allseits gehassten „Regenschirmträgern“ sein, die entweder alle naßmachen, weil sie den Schirm in der Hand halten oder gehasst werden weil sie ihn auf den Boden legen und jeder darüber stolpert.
Also steht man im Regen auf dem zugigen Bahnsteig mit dem undichten Dach und wartet auf das Unvermeidliche. Die S-Bahn???? Was bist du denn für ein Optimist? Bestimmt Autofahrer! Es ist verlängertes-wochenende-ist-vorbei-Mittwoch-morgen! Nein, wir warten auf die unvermeidliche und unverständliche (weil natürlich auch zum auswechseln der Lautsprecheranlage keine Zeit mehr war, die armen Babys in ihren Kinderwagen, wir haben ja Verständnis) Durchsage, die uns nachdem wir bereits seit fünf Minuten auf die s-Bahn warten, mitteilt, das ebendiese VORAUSSICHTLICH fünf Minuten Verspätung hat. (Manchmal glaube ich wirklich, das Bahnbeamte eine gescheiterte Karriere bei Astro-TV hinter sich gebracht haben...) Nach zehn Minuten kommt dann auch die S-Bahn und es stehen schon jede menge Leute in den Gängen. Na gut, als Entschädigung fährt dieser Zug der Deutschen Bahn dafür auch mit voll aufgedrehter Heizung. Geht ja nicht, dass die armen eingepferchten nassen Menschen frieren. Na gut, auch nicht schlecht, kann man sich wenigstens den Saunabesuch sparen. Wenn man nur nicht so viele Klamotten anhätte. Die jetzt auch noch alle von dieser Warmen und extrem feuchten Luft durchdrungen werden...
Na ja, sind wir heute mal Optimist, immerhin liegt ein langes Wochenende hinter mir. Es sind nur noch zwei Stationen bis zum Flughafen, bis dahin geht’s schon.
Gut noch eine Station, irgendwie werde ich es schon schaffen so lange die Luft anzuhalten bis der gerade eingestiegene Typ am Flughafen aussteigt, denn es riecht nicht nur nach nassem toten Hund, ich in fest davon überzeugt, dass es sich dabei um einen neuartigen Kampfstoff handelt den er im Auftrag irgendeiner fremden Regierung hier in der S-Bahn testet. Aber nicht mit mir. Ich werde einfach nicht atmen!
Mist! Ein außerplanmäßiger Halt (auf dieser Strecke gibt es mehr außerplan als planmäßige Haltestellen, sollte man mal überprüfen...). Musste doch atmen. Der Kampfstoff scheint nicht direkt tödlich zu sein, wahrscheinlich werde ich jetzt in den nächsten 24 Stunden qualvoll verenden.
Flughafen. Endlich. Aaaah! Was soll das denn? Nur zwei Leute raus? Da stimmt was nicht. Und wieso wollen all diese Anzugmenschen mit ihren kleeeinen Business-Koffern hier herein? Mir schwant übles. Da wird doch wohl keine Messe? Doch, auf jeden Fall eine Messe. Grad ist irgend so ein Anzugträger (ganz korrekt mit Krawatte und Einstecktüchlein) mit hellblauen Turnschuhen eingestiegen. Hellblau! Zum schwarzen Nadelstreifenanzug. Hat er die von Aldi? Ne, selbst Aldi-Turnschuhe haben mehr Geschmack. Wahrscheinlich von irgend nem Designer. Angesagtestes Modell oder so. Ein Schuh nur 350 Euro. Zwei zum Sonderpreis für 600Euro oder so ähnlich. Auf jeden Fall beweist es, dass heute wohl messe ist. Irgend eine große Messe... Hab doch letzte Woche noch gehört wie zwei Kollegen sagten sie wollten auf die messe. Was war das noch gleich.
Sch...!
Gut das wir so dicht stehen und der tote-hund-Typ neben mir, sonst hätte mich diese Erkenntnis gerade umgehauen. Aber wer will schon ohnmächtig in den armen eines Typen zusammenbrechen der so merkwürdig müffelt, dass man wenn man aufwacht gleich wieder weg ist? Nachher nutzt der das aus. Und eh man sich versieht ist man mit so einem verheiratet und alles nur wegen einer Dauerohnmacht. Nee, danke! Heb ich mir lieber für den Prinz in schimmernder Rüstung auf, obwohl ich glaub doch nicht, Rüstung? Aua das tut doch weh!
Na jedenfalls ab heute ist (wie konnte ich das vergessen? Ist schließlich meine Lieblingsmesse) BUCHMESSE. Nur fürs Protokoll: Das WAR mal meine Lieblings-Messe. Bevor ich Frankfurt-Pendler wurde!
Das erklärt jetzt wahrscheinlich auch warum U-Bahn fahren an einem Mittwoch morgen so schlimm ist. Nach dem Gedränge in der S-Bahn freut man sich schon auf das luftige Gewurschtel in der U-Bahn. Aber nicht wenn Messe ist!!! Dann müssen diese Business-Turnschuhträger alle in meine U-Bahn! Aahh! Der Weg zur Bahn geht ja noch. Die Köfferchen-Zieher folgen alle brav der Beschilderung. Ich nehme den direkten Weg (nicht beschildert, aber dafür 4 ½ Minuten schneller und er führt nicht an den ganzen Bäckereiständen vorbei, die nur was für willensstarke Menschen sind; also nix für mich!). Etwas erstaunt stelle ich fest, dass ich diesen Weg nicht alleine Zielstrebig ansteuere. Mit mir laufen auf den Zugang zur U-Bahn noch einige langhaarige Typen meines Alters oder etwas älter mit. Ich kann fühlen wie meine grauen Zellen anfangen zu arbeiten. Dafür das Mittwoch-Morgen ist, sind sie erstaunlich fix. Das gefällt mir nicht. Auf das Ergebnis hätte ich noch warten können: Wir haben Anfang Oktober. Na gut. Mehrere Langhaarige Typen? Hmm. Mit kleinen Umhängetaschen? Die Uni fängt heute wieder an! Mist, mist, mist, mist, MIST! Die müssen auch in meine U-Bahn! Ich hatte schon ganz vergessen, das es diese Spezies: Studentus normalicus gibt! Wahrscheinlich deshalb weil ich zwei Monate Zeit hatte mich daran zu gewöhnen, dass sie ausgestorben waren...
Stehe am U-Bahnsteig. (Wenigstens ist nicht mehr Automesse und man muss die ganze Zeit aufpassen, das man kleine Japaner tottritt). Es ist voll. Sehr voll sogar! Die U-Bahn kommt. Ja, freude, es ist Messe. Normalerweise steigen hier alle U-Bahn Insassen aus (bis auf die Studenten) und die Bahnsteigmenge flutet ungehindert auf die Sitzplätze. Heute steigt aber fast niemand aus, dafür fluten umso mehr rein. Gut, dass ich schon einige Erfahrung im U-Bahn Sitzplatz erobern habe, so schaffe ich es auch noch einen dieser immer seltener werdenden Plätze zu ergattern. Im Gang beginnen sich die Menschen zu drängen, aber immer noch wollen welche rein. Ist ja auch unglaublich. Die nächste U-Bahn kommt schließlich erst in drei Minuten. Ich meine DREI Minuten und das, obwohl die Messe schon in zehn Minuten aufmacht. Und die Fahrtzeit zwei Minuten beträgt. Wirklich unzumutbar! Jemand sollte sich mal darüber beschweren!
Der U-Bahn-Fahrer scheint meiner Meinung zu sein. Er brüllt gerade in sein Mikrofon, so dass es der gesamte Bahnsteig hören kann:
Wenn die Fahrgäste die nicht mehr reinpassen jetzt nicht sofort zurücktreten, werde ich eben mit offenen Türen losfahren und sie alle an der Tunnelwand abstreifen!
Der hatte bestimmt kein verlängertes Wochenende.
Das Gedränge nimmt ein bisschen ab. Wir die glücklich in der Bahn sitzen fangen an zu grinsen. Das Türschließsignal erklingt erneut und manche Türen schließen sich auch tatsächlich.
Mit Fahrgäste habe ich auch den dicken Herrn im Mittelteil in der blauen Jacke gemeint. Ja, genau sie, der sie da gerade so empört in meine Richtung schauen!!
Wir grinsen nicht nur, wir fangen auch schadenfroh an zu kichern.
Erneutes Türschließgeräusch.
Sie da, am ende des Zuges mit dem Fahrrad. Bloß weil sie das Vorderrad erfolgreich reingestopft haben, heißt das nicht das der Rest auch reinpasst. Wir sind hier schließlich nicht in ihrem Schlafzimmer! Ziehen sie das Teil sofort raus! Sonnst donnert uns die nächste Bahn gleich von hinten rein!!!
Wir schauen uns ungläubig an. Hat der Fahrer das gerade wirklich gesagt? Scheint ein bisschen frustriert zu sein der Mann.
Es ruckelt, wir fahren los. Jetzt erst komme ich dazu meinem Gegenüber einen musternden Blick zuzuwerfen. Man will schließlich wissen wessen Knie einen da gerade berühren (auch wenn ich nicht aussehe wie Frankensteins Monster hat diese Berührung, so ungern es mein ego vielleicht auch zugeben mag, nichts mit meinem aussehen zu tun, sondern eher mit dem „großzügigen Platzangebot der öffentlichen Nahverkehr-Zugsystems“ – im nächsten Leben werde ich Werbetexter, dann kann ich Lügen verbreiten und werde dafür auch noch bezahlt!). Bevor ich darüber spekulieren kann, ob dieser Werbetexter noch lebt, oder ob er von einer Meute wütender „Nahverkehr-Zugbenutzer“ die Kniescheiben eingeschlagen bekommen hat und danach zu Tode gefoltert wurde weil er den Fehler gemacht hat eine S- oder U-Bahn zu betreten, melden meine Augen meinem Hirn, dass das Logo auf der Anzugtasche meines Gegenübers genauere Betrachtung verdient. Ich sehe noch einmal unauffällig hin und erstarre. Ein Jesus Christus Kirche Aufnäher. Und wir sind noch nicht einmal an der Messe. Panisch versuche ich woanders hinzusehen. Aber da höre ich schon diese zu hohe Tenorstimme (vielleicht hat er sich kastrieren lassen um nicht zu sündigen?):
Hatten Sie einen schönen morgen?
Ich würde jetzt am liebsten losschreien. Aber ich bin vernünftig und nach einem Jahr pendeln gut gegen solche Gegner gerüstet. Ich tue einfach so als ob ich nicht mitbekommen hätte, das er mich meint.
Die U-Bahn wird auch schon langsamer, wir nähern uns der Messe. Leider haben diese Typen ihren Stützpunkt an der Uni eine Station weiter, an der auch ich aussteigen muss.
Jetzt beugt er sich zu mir vor, dass kein Zweifel mehr besteht wen er meint:
Hatten Sie einen schönen Morgen?
Was nun? Wenn ich ja sage, fängt er an mir zu erzählen wie schön Gottes Welt ist. Sage ich nein, erzählt er mir wie schön Gottes Welt ist..
„Ja, danke“ sage ich mit einem eisigen Lächeln, dass ihn wenn er ein normaler Mensch wäre in eine Schneeskulptur verwandelt hätte und drehe demonstrativ meinen Kopf weg.
Wir halten an der Messe. In der U-Bahn ist wieder genug Platz zum atmen.
Ist es nicht wundervoll, dass uns Gott wieder jeden Morgen solch einen herrlichen Tag schenkt?
So einen wunderschönen Tag? Vielleicht ist Weihrauch doch eine stärkere Droge als bisher angenommen? Sollte ich mal bei Gelegenheit probieren...
Was werden Sie an so einem herrlichen Tag machen, damit Gott glücklich ist?
Wenn ich es nicht besser wüsste würde ich sagen, der versucht mich anzumachen. ‚Sie flachlegen’ wäre eine schöne antwort, traue ich mich aber nicht zu sagen. Und auf eine Diskussion nach dem Motto „Kein-Sex-vor-der-Ehe“ habe ich auch keine Lust. Aber die Wahrheit tut es auch:
„Ich werde weiter an meiner Datenbank herumprogrammieren, damit die Botaniker möglichst bald die Sequenzen ihren genmanipulierten Pflanzen eintragen können um sie zu verkaufen.“ Das diabolische Lachen hallt zum Glück nur in meinem Kopf wieder.
Jesus-Christus-Blazer saugt hörbar Luft ein. Gleich wird er platzen.
Die U-Bahn wird langsamer.
Zum Glück. Ich will weder erleben wie das Wesen mir gegenüber platzt, noch eine Diskussion mit ihm anfangen, dass es keine DNA gibt und man an dieser nicht-existentem Materie auch nicht herumexperimentieren dürfe, geschweige denn sie verändern dürfe (weil es schließlich eine Frechheit ist, nicht-existente Dinge auch noch zu verändern!)
Wir halten. Ich grinse den Jesus-Christus-Blazer an. Er wirft mir einen entsetzten Blick zu und stürmt aus der U-Bahn als wäre ich der Leibhaftige.
Mit beschwingtem Schritt gehe ich ins Büro. Im Aufzug begegnet mir der Hauselektriker.
„Was für ein morgen“ brummt er mir nicht unfreundlich entgegen.
„Ja“ antworte ich, „noch schlimmer als ein ganz normaler Montag morgen“.
Was könnte schlimmer sein, als an einem Mittwoch morgen S-Bahn zu fahren? An einem Montag morgen S-Bahn zu fahren. Denkste! Denn dieser Mittwoch morgen ist ein doppelstöckiger Montagmorgen. Es ist der Mittwochmorgen nach einem verlängerten Wochenende.
Also, was könnte schlimmer sein?
Richtig! U-Bahn fahren an solch einem Mittwochmorgen! Denn S-Bahn fahren ist immer gleich. Darauf kann man sich schon auf der Busfahrt einstellen: Während man noch auf seinem Sitzplatz vor sich hindöst, weiß man schon was kommt:
Erst der zugige Bahnsteig mit dem undichten Dach. Es wäre ja auch wirklich zuviel verlangt gewesen dieses Dach zu reparieren ich meine, wann hätte man das denn letztes Jahr auch noch machen sollen, als der gesamte Bahnsteig wegen Renovierungsarbeiten geschlossen war? Es wird ja wohl jeder einsehen, dass es schon eine Höchstleistung war in diesem Jahr die weißen Markierungen auf dem Steig nachzuziehen. War ja auch wichtig. Nicht das ein Kinderwagen, der aus Versehen und ohne Aufsicht reinzufällig am Rand abgestellt wird, weil die blonde Mutter nicht wusste das sie ihn da nicht abstellen darf während sie eine Schachteln Zigaretten am Kiosk auf dem anderen Gleis kauft, von einem Zug erfasst wird. Wäre doch eine Katastrophe. Da war das Dach eben zeitlich nicht mehr drin. Haben wir ja auch alle Verständnis für.
Und natürlich regnet es an so einem Mittwoch morgen – gut ist nicht soo unwahrscheinlich immerhin haben wir Oktober. Aber Regenschirm geht auch nicht, denn wohin soll man den in der S-Bahn tun. Und man will ja auch keiner von diesen allseits gehassten „Regenschirmträgern“ sein, die entweder alle naßmachen, weil sie den Schirm in der Hand halten oder gehasst werden weil sie ihn auf den Boden legen und jeder darüber stolpert.
Also steht man im Regen auf dem zugigen Bahnsteig mit dem undichten Dach und wartet auf das Unvermeidliche. Die S-Bahn???? Was bist du denn für ein Optimist? Bestimmt Autofahrer! Es ist verlängertes-wochenende-ist-vorbei-Mittwoch-morgen! Nein, wir warten auf die unvermeidliche und unverständliche (weil natürlich auch zum auswechseln der Lautsprecheranlage keine Zeit mehr war, die armen Babys in ihren Kinderwagen, wir haben ja Verständnis) Durchsage, die uns nachdem wir bereits seit fünf Minuten auf die s-Bahn warten, mitteilt, das ebendiese VORAUSSICHTLICH fünf Minuten Verspätung hat. (Manchmal glaube ich wirklich, das Bahnbeamte eine gescheiterte Karriere bei Astro-TV hinter sich gebracht haben...) Nach zehn Minuten kommt dann auch die S-Bahn und es stehen schon jede menge Leute in den Gängen. Na gut, als Entschädigung fährt dieser Zug der Deutschen Bahn dafür auch mit voll aufgedrehter Heizung. Geht ja nicht, dass die armen eingepferchten nassen Menschen frieren. Na gut, auch nicht schlecht, kann man sich wenigstens den Saunabesuch sparen. Wenn man nur nicht so viele Klamotten anhätte. Die jetzt auch noch alle von dieser Warmen und extrem feuchten Luft durchdrungen werden...
Na ja, sind wir heute mal Optimist, immerhin liegt ein langes Wochenende hinter mir. Es sind nur noch zwei Stationen bis zum Flughafen, bis dahin geht’s schon.
Gut noch eine Station, irgendwie werde ich es schon schaffen so lange die Luft anzuhalten bis der gerade eingestiegene Typ am Flughafen aussteigt, denn es riecht nicht nur nach nassem toten Hund, ich in fest davon überzeugt, dass es sich dabei um einen neuartigen Kampfstoff handelt den er im Auftrag irgendeiner fremden Regierung hier in der S-Bahn testet. Aber nicht mit mir. Ich werde einfach nicht atmen!
Mist! Ein außerplanmäßiger Halt (auf dieser Strecke gibt es mehr außerplan als planmäßige Haltestellen, sollte man mal überprüfen...). Musste doch atmen. Der Kampfstoff scheint nicht direkt tödlich zu sein, wahrscheinlich werde ich jetzt in den nächsten 24 Stunden qualvoll verenden.
Flughafen. Endlich. Aaaah! Was soll das denn? Nur zwei Leute raus? Da stimmt was nicht. Und wieso wollen all diese Anzugmenschen mit ihren kleeeinen Business-Koffern hier herein? Mir schwant übles. Da wird doch wohl keine Messe? Doch, auf jeden Fall eine Messe. Grad ist irgend so ein Anzugträger (ganz korrekt mit Krawatte und Einstecktüchlein) mit hellblauen Turnschuhen eingestiegen. Hellblau! Zum schwarzen Nadelstreifenanzug. Hat er die von Aldi? Ne, selbst Aldi-Turnschuhe haben mehr Geschmack. Wahrscheinlich von irgend nem Designer. Angesagtestes Modell oder so. Ein Schuh nur 350 Euro. Zwei zum Sonderpreis für 600Euro oder so ähnlich. Auf jeden Fall beweist es, dass heute wohl messe ist. Irgend eine große Messe... Hab doch letzte Woche noch gehört wie zwei Kollegen sagten sie wollten auf die messe. Was war das noch gleich.
Sch...!
Gut das wir so dicht stehen und der tote-hund-Typ neben mir, sonst hätte mich diese Erkenntnis gerade umgehauen. Aber wer will schon ohnmächtig in den armen eines Typen zusammenbrechen der so merkwürdig müffelt, dass man wenn man aufwacht gleich wieder weg ist? Nachher nutzt der das aus. Und eh man sich versieht ist man mit so einem verheiratet und alles nur wegen einer Dauerohnmacht. Nee, danke! Heb ich mir lieber für den Prinz in schimmernder Rüstung auf, obwohl ich glaub doch nicht, Rüstung? Aua das tut doch weh!
Na jedenfalls ab heute ist (wie konnte ich das vergessen? Ist schließlich meine Lieblingsmesse) BUCHMESSE. Nur fürs Protokoll: Das WAR mal meine Lieblings-Messe. Bevor ich Frankfurt-Pendler wurde!
Das erklärt jetzt wahrscheinlich auch warum U-Bahn fahren an einem Mittwoch morgen so schlimm ist. Nach dem Gedränge in der S-Bahn freut man sich schon auf das luftige Gewurschtel in der U-Bahn. Aber nicht wenn Messe ist!!! Dann müssen diese Business-Turnschuhträger alle in meine U-Bahn! Aahh! Der Weg zur Bahn geht ja noch. Die Köfferchen-Zieher folgen alle brav der Beschilderung. Ich nehme den direkten Weg (nicht beschildert, aber dafür 4 ½ Minuten schneller und er führt nicht an den ganzen Bäckereiständen vorbei, die nur was für willensstarke Menschen sind; also nix für mich!). Etwas erstaunt stelle ich fest, dass ich diesen Weg nicht alleine Zielstrebig ansteuere. Mit mir laufen auf den Zugang zur U-Bahn noch einige langhaarige Typen meines Alters oder etwas älter mit. Ich kann fühlen wie meine grauen Zellen anfangen zu arbeiten. Dafür das Mittwoch-Morgen ist, sind sie erstaunlich fix. Das gefällt mir nicht. Auf das Ergebnis hätte ich noch warten können: Wir haben Anfang Oktober. Na gut. Mehrere Langhaarige Typen? Hmm. Mit kleinen Umhängetaschen? Die Uni fängt heute wieder an! Mist, mist, mist, mist, MIST! Die müssen auch in meine U-Bahn! Ich hatte schon ganz vergessen, das es diese Spezies: Studentus normalicus gibt! Wahrscheinlich deshalb weil ich zwei Monate Zeit hatte mich daran zu gewöhnen, dass sie ausgestorben waren...
Stehe am U-Bahnsteig. (Wenigstens ist nicht mehr Automesse und man muss die ganze Zeit aufpassen, das man kleine Japaner tottritt). Es ist voll. Sehr voll sogar! Die U-Bahn kommt. Ja, freude, es ist Messe. Normalerweise steigen hier alle U-Bahn Insassen aus (bis auf die Studenten) und die Bahnsteigmenge flutet ungehindert auf die Sitzplätze. Heute steigt aber fast niemand aus, dafür fluten umso mehr rein. Gut, dass ich schon einige Erfahrung im U-Bahn Sitzplatz erobern habe, so schaffe ich es auch noch einen dieser immer seltener werdenden Plätze zu ergattern. Im Gang beginnen sich die Menschen zu drängen, aber immer noch wollen welche rein. Ist ja auch unglaublich. Die nächste U-Bahn kommt schließlich erst in drei Minuten. Ich meine DREI Minuten und das, obwohl die Messe schon in zehn Minuten aufmacht. Und die Fahrtzeit zwei Minuten beträgt. Wirklich unzumutbar! Jemand sollte sich mal darüber beschweren!
Der U-Bahn-Fahrer scheint meiner Meinung zu sein. Er brüllt gerade in sein Mikrofon, so dass es der gesamte Bahnsteig hören kann:
Wenn die Fahrgäste die nicht mehr reinpassen jetzt nicht sofort zurücktreten, werde ich eben mit offenen Türen losfahren und sie alle an der Tunnelwand abstreifen!
Der hatte bestimmt kein verlängertes Wochenende.
Das Gedränge nimmt ein bisschen ab. Wir die glücklich in der Bahn sitzen fangen an zu grinsen. Das Türschließsignal erklingt erneut und manche Türen schließen sich auch tatsächlich.
Mit Fahrgäste habe ich auch den dicken Herrn im Mittelteil in der blauen Jacke gemeint. Ja, genau sie, der sie da gerade so empört in meine Richtung schauen!!
Wir grinsen nicht nur, wir fangen auch schadenfroh an zu kichern.
Erneutes Türschließgeräusch.
Sie da, am ende des Zuges mit dem Fahrrad. Bloß weil sie das Vorderrad erfolgreich reingestopft haben, heißt das nicht das der Rest auch reinpasst. Wir sind hier schließlich nicht in ihrem Schlafzimmer! Ziehen sie das Teil sofort raus! Sonnst donnert uns die nächste Bahn gleich von hinten rein!!!
Wir schauen uns ungläubig an. Hat der Fahrer das gerade wirklich gesagt? Scheint ein bisschen frustriert zu sein der Mann.
Es ruckelt, wir fahren los. Jetzt erst komme ich dazu meinem Gegenüber einen musternden Blick zuzuwerfen. Man will schließlich wissen wessen Knie einen da gerade berühren (auch wenn ich nicht aussehe wie Frankensteins Monster hat diese Berührung, so ungern es mein ego vielleicht auch zugeben mag, nichts mit meinem aussehen zu tun, sondern eher mit dem „großzügigen Platzangebot der öffentlichen Nahverkehr-Zugsystems“ – im nächsten Leben werde ich Werbetexter, dann kann ich Lügen verbreiten und werde dafür auch noch bezahlt!). Bevor ich darüber spekulieren kann, ob dieser Werbetexter noch lebt, oder ob er von einer Meute wütender „Nahverkehr-Zugbenutzer“ die Kniescheiben eingeschlagen bekommen hat und danach zu Tode gefoltert wurde weil er den Fehler gemacht hat eine S- oder U-Bahn zu betreten, melden meine Augen meinem Hirn, dass das Logo auf der Anzugtasche meines Gegenübers genauere Betrachtung verdient. Ich sehe noch einmal unauffällig hin und erstarre. Ein Jesus Christus Kirche Aufnäher. Und wir sind noch nicht einmal an der Messe. Panisch versuche ich woanders hinzusehen. Aber da höre ich schon diese zu hohe Tenorstimme (vielleicht hat er sich kastrieren lassen um nicht zu sündigen?):
Hatten Sie einen schönen morgen?
Ich würde jetzt am liebsten losschreien. Aber ich bin vernünftig und nach einem Jahr pendeln gut gegen solche Gegner gerüstet. Ich tue einfach so als ob ich nicht mitbekommen hätte, das er mich meint.
Die U-Bahn wird auch schon langsamer, wir nähern uns der Messe. Leider haben diese Typen ihren Stützpunkt an der Uni eine Station weiter, an der auch ich aussteigen muss.
Jetzt beugt er sich zu mir vor, dass kein Zweifel mehr besteht wen er meint:
Hatten Sie einen schönen Morgen?
Was nun? Wenn ich ja sage, fängt er an mir zu erzählen wie schön Gottes Welt ist. Sage ich nein, erzählt er mir wie schön Gottes Welt ist..
„Ja, danke“ sage ich mit einem eisigen Lächeln, dass ihn wenn er ein normaler Mensch wäre in eine Schneeskulptur verwandelt hätte und drehe demonstrativ meinen Kopf weg.
Wir halten an der Messe. In der U-Bahn ist wieder genug Platz zum atmen.
Ist es nicht wundervoll, dass uns Gott wieder jeden Morgen solch einen herrlichen Tag schenkt?
So einen wunderschönen Tag? Vielleicht ist Weihrauch doch eine stärkere Droge als bisher angenommen? Sollte ich mal bei Gelegenheit probieren...
Was werden Sie an so einem herrlichen Tag machen, damit Gott glücklich ist?
Wenn ich es nicht besser wüsste würde ich sagen, der versucht mich anzumachen. ‚Sie flachlegen’ wäre eine schöne antwort, traue ich mich aber nicht zu sagen. Und auf eine Diskussion nach dem Motto „Kein-Sex-vor-der-Ehe“ habe ich auch keine Lust. Aber die Wahrheit tut es auch:
„Ich werde weiter an meiner Datenbank herumprogrammieren, damit die Botaniker möglichst bald die Sequenzen ihren genmanipulierten Pflanzen eintragen können um sie zu verkaufen.“ Das diabolische Lachen hallt zum Glück nur in meinem Kopf wieder.
Jesus-Christus-Blazer saugt hörbar Luft ein. Gleich wird er platzen.
Die U-Bahn wird langsamer.
Zum Glück. Ich will weder erleben wie das Wesen mir gegenüber platzt, noch eine Diskussion mit ihm anfangen, dass es keine DNA gibt und man an dieser nicht-existentem Materie auch nicht herumexperimentieren dürfe, geschweige denn sie verändern dürfe (weil es schließlich eine Frechheit ist, nicht-existente Dinge auch noch zu verändern!)
Wir halten. Ich grinse den Jesus-Christus-Blazer an. Er wirft mir einen entsetzten Blick zu und stürmt aus der U-Bahn als wäre ich der Leibhaftige.
Mit beschwingtem Schritt gehe ich ins Büro. Im Aufzug begegnet mir der Hauselektriker.
„Was für ein morgen“ brummt er mir nicht unfreundlich entgegen.
„Ja“ antworte ich, „noch schlimmer als ein ganz normaler Montag morgen“.
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